Der Ex-Junkie trifft die richtigen Töne

Der Bund vom 12. Oktober 2011 (pdf)
Der Mundartroman «Dr Goalie bin ig» von Pedro Lenz begeisterte vor Jahresfrist Publikum und Kritik. Für das Hörbuch setzt Patent-Ochsner-Keyboarder Christian Brantschen subtile musikalische Akzente.

von ALEXANDER SURY

Von leiser Sehnsucht erfüllt, fast etwas elegisch erklingt die Piano-Melodie, eine vage Hoffnung evozierend. Ein Knabe wiederholt verzweifelt-beschwörend wie eine Zauberformel die Worte: «Dr Goalie bin ig.» Und dann hebt diese Stimme an zu sprechen, unprätentiös und von einnehmender Direktheit. «Aagfange hets eigetlech vüu frecher.» Sofort ist klar: Hier ist ein grosser Fabulierer vor dem Herrn entschlossen, seine Lebensgeschichte zu erzählen, die sich aber – wie sollte es anders sein – aus unzähligen, selten widerspruchsfreien Geschichten zusammensetzt.

Allfällige Bekenntnisse sind also mit Vorsicht zu geniessen. Aber man hört ihm gleichwohl gerne zu, diesem herzensguten 33-jährigen Ex-Junkie Goalie, der soeben aus der Haftanstalt Witzwil entlassen worden ist («Voupension, he jo, wäge Giftgschichte») und jetzt in seinem Heimatstädtchen Schummertal im Oberaargau voller guter Vorsätze auf einen möglichst gesetzeskonformen Neuanfang jenseits von «zubetonierte Läbensentwürf» hofft. Ein unermüdlicher Laferi ist er, ein begnadeter Plouderi, der virtuos zwischen Szeneslang und Kneipenpoesie changiert.

Als Protagonist im Mundartroman «Dr Goalie bin ig» des Berner Autors, Kolumnisten und Spoken-Word-Artisten Pedro Lenz blickt Goalie auf seine «Karriere» zurück, muss vor falschen Freunden auf der Hut sein, erkennt allmählich seine «Sündenbock»-Rolle in einem abgekarteten Spiel und träumt von einer gemeinsamen Zukunft mit Regula, der Kellnerin in seiner Stammbeiz.

Alltagsweiser Drögeler
«I gseh immer nume die chliine Gschichte», bekannte er einst vor dem irritierten Richter in Aarwangen. «Für die grossi, zämehängendi Gschicht, mit Logik und Spannigsbogen und auem, was derzue ghört, do fäut mir gloub eifach d Begabig.»

Mit der ans Herzen gehenden, sentimentale Klippen souverän umschiffenden Geschichte des alltagsweisen Ex-Drögelers, der von einem bescheidenen Leben an einem nicht zu schattigen Plätzchen träumt, hat Pedro Lenz seit dem Erscheinen des Mundartromans wahre Triumphe gefeiert: Über 10 000 verkaufte Exemplare, ein Schillerpreis und ein Literaturpreis des Kantons Bern wurden ihm dafür zugesprochen, die Verfilmung des Romans ist beschlossene Sache und für 2012 geplant.In dieser Verwertungskette darf natürlich das Hörbuch nicht fehlen, zumal die Vorlage mit ihrem ebenso kraftvoll-plastischen wie kunstvoll arrangierten mündlichen Sprachgestus geradezu nach einer Audio-Version ruft. Um es gleich zu sagen: Patent-Ochsner-Tastenmann Christian Brantschen – wie Pedro Lenz ein Mitglied des Spoken-Word-Kollektivs «Bern ist überall» – hat eine Musik komponiert, die klug eingesetzt wird und auch ohne den von Lenz mit gewohnt beeindruckender Präsenz gestalteten Text hörenswert ist.

Zwischen den Zeilen
Ob melancholische Pianomelodien oder sperriger Synthie-Sound, ob als ironischer Kontrast eingesetzte Schlagerelemente oder an entscheidenden Stellen der Geschichte schmerzhaft scheppernde Ventilatorgeräusche: Der 52-jährige Christian Brantschen, der reiche Erfahrungen als Komponist für Kinofilme und Theaterproduktionen mitbringt, lotet mit seinen musikalischen Motiven den Raum zwischen den Zeilen aus; er beschränkt sich nicht auf eine blosse akustische Verstärkung von Stimmungen, sondern setzt auf den subtilen Kontrast, als mehrdeutiges Echo auf eine Szene oder als ahnungsvolles Vorspiel.

Und so gibt diese Hörbuch-Fassung von «Dr Goalie bin ig» auch eine überzeugende Antwort auf die genervte Frage des Richters, der den Angeklagten Goalie einst unwirsch anging: «Chanis ächt der Aaklagt säge, worum daser zu jedere Frog irgend es Gschichtli verzöut, aber nie e ganzi, zämehängendi, iilüchtendi Fassig vo auem?» Das Textgeflecht von Pedro Lenz und die Klangbilder von Christian Brantschen lassen einen auf sinnliche Weise eintauchen in diese oft verworrene und unlogische Wahrheitssuche. An Goalies Wahrhaftigkeit jedoch, daran besteht kein Zweifel.

Das Hörbuch «Der Goalie bin ig» ist im Verlag «Der Gesunde Menschenversand» erschienen und kostet 39 Franken.
CD-Taufe: heute, Mühle Hunziken Rubigen, 21 Uhr.