Die Kunst, das Leben eines Goalies zu vertonen

Berner Zeitung vom 29. September 2011 (pdf)
HÖRBUCH: Wie vertont man einen Text? Christian Brantschen, Mitglied bei Patent Ochsner und Bern ist überall, komponierte die Musik zur Hörbuchfassung des Erfolgsromans «Der Goalie bin ig» von Pedro Lenz. Ein Besuch im Atelier des Berner Musikers.

von MARIA KÜNZLI

Christian Brantschen ist ein Sammler. Er sammelt Geräusche wie andere Leute Bierdeckel oder Muscheln. Immer, wenn ihm ein Laut gefällt, zückt er sein Aufnahmegerät und hält ihn fest. Mittlerweile besitzt der Tastenmann von Patent Ochsner ein ganzes Archiv aus Alltagsgeräuschen. Eins davon ist ein scheppernder, surrender Ventilator. Es ist ein aufreibendes, quengelndes Geräusch. Leise, aber hartnäckig frisst es sich durch den Gehörgang, sodass man es nicht ignorieren kann. Es ist ihm auf der Durchreise von Bern nach Zinal (VS) zu Ohren gekommen. «Ich machte im Bahnhofbuffet in Siders halt und trank ein Bier», als ihm der defekte Ventilator auffiel. «Irgendwie hat der was», dachte sich Brantschen und nahm das Geräusch auf.
Nun, ein Jahr später, hört man den Ventilator in den Schlüsselszenen von «Der Goalie bin ig». Christian Brantschen hat den Erfolgsroman zum Hörbuch vertont. Man hört den Ventilator immer dann, wenn eine Entscheidung ansteht. Immer dann, wenn etwas wehtut.

Ein fabulierender Kauz
«Der Goalie bin ig» ist der erste Roman von Pedro Lenz. Es ist die in Mundart erzählte Geschichte von Goalie, einem Ex-Junkie, der gerade aus der Haft entlassen wurde. Goalie ist ein Geschichten erzählender Kauz, ein liebenswürdiger Alltagsphilosoph. Einer, der eigentlich niemandem etwas Böses will und doch in eine Intrige verwickelt wird. Einer, der immer über dem Abgrund balanciert und am Ende doch festen Boden unter die Füsse bekommt. Irgendwie. «Der Erzählton des Romans hat mich sofort berührt», sagt Christian Brantschen. «Weil Pedro Lenz es schafft, das Junkie-Dasein auf eine so selbstverständliche, nicht wertende Art rüberzubringen.» Schnell hatte Brantschen Melodien im Kopf, wenn er an den Goalie dachte.
Als Vorlage diente ihm eine Aufnahme des Radiostudios DRS, die im Sommer ausgestrahlt wurde. Vier Stunden Text. Brantschen liess die ganze Lesung mehrmals auf sich einwirken, bevor er zu komponieren begann. «Das Projekt war eine Herausforderung. Noch nie habe ich etwas in einem so grossen Format gemacht», erzählt der Berner in seinem Atelier im Progr, das er sich mit einer Opernsängerin teilt.
«Ich habe den Anspruch, dass die Musik in sich stimmig und auch ohne Text hörenswert ist.» Dafür müsse er die dramaturgischen Bögen im Auge behalten, was bei einem Vierstundenprojekt gar nicht so einfach sei. «Ich konnte ja nicht ständig das ganze Hörbuch durchhören.» Eine weitere Schwierigkeit war, «dass ich nur den Text als Ausgangspunkt hatte. Wenn ich sonst Theateroder Filmmusik mache, ist immer ein Regiegegenüber da, mit dem ich in einem regen Austausch stehe. »Hatte er mit Pedro Lenz in der Entstehungsphase keinen Kontakt? Nein, er solle freieHand haben,meinten Pedro Lenz und Verleger Matthias Burki. Nach einer Weile hat Brantschen den beiden eine Rohfassung vorgespielt. «Beide waren begeistert und gaben mir für die Fertigstellung das O.K.» So sei es eine relativ «figulante» Angelegenheit gewesen.

Ordnung statt Chaos
Hier, im Progr-Atelier, ist die Musik zum Hörbuch entstanden. Um nicht im Chaos zu versinken oder sich in Details zu verlieren, «musste ich mich penetrant an eine Ordnung halten». Der 52-Jährige, wie Lenz Mitglied der Spoken-Word-Gruppe Bern ist überall, zeigt auf eine zwei Meter breite Pinnwand. Hier dröselte er die Romanstruktur Kapitel für Kapitel grafisch auf. Darunter notierte er die musikalischen Ideen und hielt die Einsätze und die Art der jeweiligen Musik fest. «Schliesslich kristallisierten sich vier musikalische Motive heraus: Hoffnung, Trauer, Intrige und Verdrängung.» Das Motiv der Hoffnung erklingt als luftige Pianolinie, die Sehnsucht, aber auch Melancholie in sich trägt. Mit ihr beginnt und endet die Geschichte. Beim Trauermotiv schleppt sich das Klavier Ton für Ton voran. Das Thema der Verdrängung vertonte Brantschen «mit einer überzeichneten Schubidu-Melodie». Das Motiv der Intrige schliesslich ist ein sperriger Synthie-Sound.

Gegenwelt zum Gesagten
Geschickt setzt Christian Brantschen die verschiedenen Motive ein. Mal fungieren sie als Nachhall auf den Text, mal als Einstimmung, häufig begleiten sie das Gelesene. Manchmal unterstützen sie die Stimmung, oft arbeiten sie aber auch dagegen. «Theater- und Filmmusik unterstreichen oft, was sowieso gerade erzählt wird. Solche Verdoppelungen gleiten schnell ins Pathetische ab», weshalb er versucht habe, «das zu vertonen, was zwischen den Zeilen steht.»
Zum Beispiel, als der Goalie erzählt, wie ihn sein Vater verprügelt habe. Und dass es eigentlich absurd sei, dass der Vater wegen seiner Krankheit zwei Jahre später nicht mehr die Kraft dazu gehabt hätte. «Hier habe ich nicht einfach eine traurige Melodie daruntergelegt, sondern mit einer schrägen Schunkelmusik die feine Ironie unterstützt, die im Text angedeutet wird.» So schafft die Musik immer wieder eine faszinierende Gegenwelt zum Offensichtlichen.
Am Ende entscheidet sich der Goalie, den ganzen Sumpf hinter sich zu lassen, neu anzufangen. Irgendwie. Im Hintergrund scheppert der Ventilator aus Siders. Leise, und doch so durchdringend, dass man ihn nicht ignorieren kann.

Hörbuch: «Der Goalie bin ig», Verlag Der gesunde Menschenverstand, 4 CDs.
CD-Taufe: Mi, 12.Oktober, 21 Uhr, Mühle Hunziken.
Tour: http://www.pedrolenz.ch