Titelstory: Pedro Lenz - Das Erfolgsrezept des Berner Autors

Schaffhauser Nachrichten vom 3. November 2011 (pdf)
Ein paar gute Sprüche, vermischt mit Erinnerungen und durch einen Sprachrhythmus angereichert. Warum das Verfassen eines Bestsellerromans in Mundart doch nicht ganz so einfach ist, erzählte der Schriftsteller und Kolumnist Pedro Lenz dem «express» während des Besuchs in Olten.

von SUSANNA SPÖRRI

Ein Aussenseiter als Romanfigur
Das Verfassen eines Romans ist ein komplexer Schreibprozess. Ein Spiel mit Gedanken, Erinnerungen und Buchstaben. Der Berner Bestsellerautor Pedro Lenz hat es dabei überhaupt nicht gerne ruhig.
Aufgewachsen im Dorf Langenthal im Kanton Bern, hörte Pedro Lenz in seinen Jugendjahren oft bei Restaurantbesuchen die Sprache derjenigen, die mit Drogen dealten, heroinsüchtig waren oder ein Alkoholproblem hatten. Denn Langenthal war zu klein, als dass es dort separate Viertel gegeben hätte, wo sich Menschen mit Suchtproblemen getroffen hätten. Ihre Sprüche, ihre Gestik, ihre Mimik, all dies hatte sich fest im Gedächtnis von Pedro Lenz verankert. Den Rhythmus, in welchem Menschen mit Suchtproblemen sprechen, hatte er im Ohr. Diesen gab er der Erzählerfigur seines Romans, dem Goalie in «Der Goalie bin ig».

Vom Leben in Halbwelten
Der Goalie ist in Halbwelten zu Hause, nicht im Alltag der gewöhnlichen Bürger Schummertals, das im Roman für Langenthal steht. Halbwelten sind Welten, über die zu diskutieren lieber vermieden wird. Welten, die so nicht im Fernsehen gezeigt werden und in denen keine besonders hübschen oder sportlichen Siegertypen vorkommen. Es sind Welten, die sich im Schatten abspielen. Die Welten, in denen Süchtige zu Hause sind. Pedro Lenz kritisiert, dass in Fernsehen und Presse die Welt dargestellt wird, als wären alle Menschen erfolgreich und gut aussehend. Als hätten alle ein strahlendes Lächeln und eine ansprechende Figur. Weil dies nicht der Realität entspricht, wählte er bewusst als Erzählerfigur seines Romans keinen Helden, sondern einen Randständigen. «Ich selbst habe aber nie Drogen genommen», sagt Pedro Lenz. Aber er kennt mehrere Süchtige. Deshalb lag es für ihn nahe, den Goalie als Ex-Junkie zu konstruieren, der nach einem Aufenthalt im Knast ins normale Leben zurückkehrt. Während Gesprächen mit Bekannten aus Langenthal sind Pedro Lenz immer wieder Formulierungen aufgefallen, die in ihm Erinnerungen an seine Jugendzeit, die 80er-Jahre, geweckt haben. Diese Episoden sammelte er. Sie bildeten das Sprachmaterial für seinen Roman «Der Goalie bin ig».

Geschriebene Mündlichkeit
«I ha ächli gmemmelet, eine ufem Chriesi gha» oder «kasch äch e Grüeni entbehre?». Diese Art Bärndütsch zu sprechen, ist charakteristisch für die Halbwelten der Süchtigen, wie sie Pedro Lenz versteht. Menschen wie der Goalie, die von der Gesellschaft ausgegrenzt werden, sind ständig gezwungen, sich ihr «Versagen» ein wenig schönzureden und Geschichten zu erzählen. Für Pedro Lenz war bald klar, dass die Geschichte des Goalies nur funktionieren würde, wenn er sie in Mundart schreibt. Und weil er selbst Berner ist und in Bärndütsch denkt, ist der Roman in diesem Dialekt geschrieben. Pedro Lenz verwendet keine Sprachbilder, die er nicht selbst im Alltag hört oder selbst gebraucht. Er sucht nicht in Mundartwörterbüchern nach alten Begriffen. Es geht ihm nicht um die Sprach- oder Kulturpflege und auch nicht darum, dass das Bärndütsche in Romanform abgebildet wird. Sondern einzig und allein um den literarischen Umgang mit Alltagssprache. Der unmittelbare, nicht gekennzeichnete Wechsel zwischen indirekter und direkter Rede, wie er im Roman vorkommt, ist denn auch beabsichtigt, dies kommt der mündlichen Sprache sehr nahe. Pedro Lenz interessiert der Umgang mit der Sprache, die ihn ständig umgibt und von der er weiss, wie sie klingen muss. «Ich finde es wichtig, dass man in der Sprache schreibt, in der man zu Hause ist», erklärt er. Der Goalie sagt deshalb «sorry» und nicht «äxgüsi», weil Pedro Lenz im Alltag das Erste bedeutend mehr hört.
Als Pedro Lenz wusste, wie der Goalie spricht, kristallisierte sich Schritt für Schritt diese Figur als Ganzes heraus. «Der Goalie bin ig» ist ein Schelmenroman, angelehnt an die spanische Literatur, in welcher diese Erzählform oft vorkommt. Die Hauptfigur ist jeweils ein Kleiner, der aus gesellschaftlicher und ökonomischer Sicht keine Chance hat, sich aber mit Schlauheit, Humor und viel Ironie geschickt durch das Leben schlängelt. Die Ausgangssituation, dass einer aus dem Knast zurückkehrt und einen Neuanfang versucht, ist ein literarischer Klassiker. Niemand hat darauf gewartet, einen ehemaligen Gefängnisinsassen mit Freuden zu empfangen. Der Entlassene jedoch freut wahnsinnig darüber, all seine Bekannten wiederzusehen. Diese befinden sich in ihrem Alltag, der in einem kleinen Dorf wie Schummertal sich nur über das Gegenwärtige definiert. Der Zurückgekehrte muss sich seinen Platz darin wieder zurückerobern. Denn für die Dorfbewohner ist das Leben nicht stehen geblieben.
Die Hauptgeschichte des Goalies stand. Nun galt es, den Haupterzählstrang wie ein Gerüst aufzubauen und die Nebenstränge sorgfältig mit einzuflechten. Zu diesen gehören einerseits eine Liebesgeschichte und andererseits eine Intrige. Auch diese haben einen Bezug zu Pedro Lenz’ eigenem Leben. Es sind Geschichten, die ihm erzählt wurden oder die er selbst miterlebt hat.

Hauptsache Umgebungslärm
Wenn Pedro Lenz schreibt, dann jeweils ungefähr drei, vier Seiten in seiner Nische in einer Bürogemeinschaft in Bern. Meistens beginnt er damit am Vormittag zwischen halb neun und neun Uhr. Dann schreibt er etwa vier Stunden sehr konzentriert und bereitet sich anschliessend auf eine seiner vielen Lesungen vor, beantwortet E-Mails und verhandelt mit Verlegern. Pedro Lenz gibt sich selbst eine Tagesstruktur. Weil er seine persönlichen Phasen sehr gut kennt, kriegt er auch keine Panik, wenn trotz Konzentration die Seiten einmal leer bleiben. «Dann schreibe ich manchmal eine ganze Seite, wobei ich versuche, kein einziges ‹i› zu verwenden», sagt er. Diese Einengung fördere seine Kreativität. Für den Roman «Der Goalie bin ig» brauchte er insgesamt ungefähr ein Jahr. Selten spricht er während des Schreibens mit anderen Menschen über seinen Text. «Eine harte Kritik während der Arbeitsphase mag ich nicht», sagt er. Deshalb beginnt er die Geschichte erst mit anderen zu besprechen, wenn er für sich weiss, dass er etwa zwei Drittel davon bereits geschrieben hat. Zeitdruck kennt er nur beim Verfassen von Kolumnen.
Umgeben von Grafikern, Illustratoren und anderen Berufsleuten, kann sich Pedro Lenz in der ehemaligen Produktionshalle einer Kartonagenfabrik am besten konzentrieren. Wenn zwei neben ihm telefonieren und einer rumläuft, muss er auf die Geschichte fokussieren und nimmt die Umgebung nicht mehr wahr. In genau diesen Zustand muss sich Pedro Lenz versetzen, damit er vollkommen in seiner Welt ist und alles andere ausblenden kann. Er schreibt ein paar Seiten, dann liest er sie sich laut vor. Immer wieder. Schritt für Schritt entstehen auf diese Weise einzelne Teile der Geschichte, die er als Ganzes von Anfang an im Kopf hatte.

Der Goalie, ein unzuverlässiger Erzähler
Bewusst hat sich Pedro Lenz für eine Erzählerfigur und nicht für einen allwissenden Erzähler entschieden. Der Goalie weiss manchmal weniger als die Leser seiner Geschichte. Dies gibt Pedro Lenz die Chance, parteiisch zu erzählen, und trotzdem macht ihn niemand dafür verantwortlich. Der Goalie ist deshalb ein ziemlich unzuverlässiger Erzähler. Aber wenn er sich beim Erzählen in einen Widerspruch verstrickt, ist dies der Widerspruch der Erzählerfigur, des Goalies, und nicht der von Pedro Lenz.
Erst beim Schreiben selbst, beispielsweise als er den Nebenstrang der Liebesgeschichte konstruierte, entwickelten sich einzelne Abschnitte aus dem Moment heraus, und Pedro Lenz entschied, in welche Richtung diese verlaufen sollten. Anschliessend musste er lange an der Geschichte herumschrauben, am Rhythmus und am Flow, wie er sagt. Dies, damit der Leser oder Zuhörer das Gefühl bekommt, der Goalie würde ihm gleich am Tisch gegenübersitzen und erzählen.
Früher war Pedro Lenz Maurer und hat Grundgerüste für Häuser gebaut. Heute baut er Geschichten. Er ist gerne der Beobachter, der Schriftsteller, welcher das, was er sieht, hört und erlebt, in Worte fasst. Dies auch auf die Gefahr hin, dass das, was er schreibt, niemanden interessiert. Doch nicht selten landet er mit seinen Geschichten einen Volltreffer. «Der Goalie bin ig» ist definitiv einer davon.

Persönlich: Pedro Lenz
Welches ist Ihr Lieblingsautor?
Ich habe viele, doch John Steinbeck und Joseph Conrad sind mir sehr wichtig. Ich bin aber auch ein riesiger Fan von Friedrich Glauser, speziell von seinem Buch «Gourrama».
Was gefällt Ihnen an Ihrem Wohnort Olten am besten?
Ich finde Olten einen sehr authentischen Ort. Niemand muss einem anderen hier etwas vormachen. Ob ich hier mit teuren oder billigen Hosen herumlaufe, ist eigentlich jedem total egal.
Was haben Sie für ein Bild von Schaffhausen, abgesehen vom Munot und vom Rhein?
Ein Fluss ist wichtig. Ich habe immer in Städten gewohnt, die einen schönen Fluss haben. Ich war als Kind schon oft in Schaffhausen, weil ich dort Verwandte hatte. Die Leute sind offener als in Bern. Man merkt, die Schaffhauser sind am Rand, sie schauen nicht nur in die Schweiz, sondern auch ein wenig dort zum Wald nach hinten, nach Deutschland.

Lesung Pedro Lenz
Pedro Lenz gibt mit Christian Brantschen von Patent Ochsner (der das gesamte Hörbuch vertonte) eine musikalische Lesung des preisgekrönten Romans «Der Goalie bin ig».
Freitag, 4. November, 20.30 Uhr, Kammgarn, Schaffhausen.