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Oltner Tagblatt vom 14. November 2011 (pdf)
Wundervolle musikalische Lesung des preisgekrönten Romans und Bestsellers «Der Goalie bin ig» von Pedro Lenz mit Musiker Christian Brantschen im Theaterstudio Olten.
von JACQUELINE LAUSCH
Es ist November. Die Bise geht. Der Goalie war ein Jahr lang im Knast, wegen «Giftsachen». Jetzt versucht er wieder, Fuss zu fassen. Sein Herz ist schwer: «… So schwär, wi nen aute, nasse Bodelumpe.» Er sucht Gesellschaft, ein paar Stimmen und einen «Kafi Fertig». Und steuert das «Maison», seine Stammbeiz, an. Obwohl er grad nicht besonders flüssig ist…
November-Melancholie
So beginnt die musikalische Lesung von Pedro Lenz und Christian Brantschen, dem Tastenmann von Patent Ochsner. Erste Klänge und Sätze voller November-Melancholie nehmen den Raum ein. Das Publikum braucht keine Anlaufzeit. Mit Feingefühl kreieren der Erzähler und der Musiker vom ersten Moment an eine Atmosphäre, welche ihnen die vollkommene Aufmerksamkeit für die Geschichte und die Geschichten des Goalies beschert.
Da ist etwa die Geschichte um Regi, die Serviertochter im «Maison»: Sie bringt dem Goalie seinen ersten «Kafi Fertig» auf freiem Fuss, ohne zu tippen: «Has nid tippet, macht si när und luegt mi so aa, weiss ou nid wie, angers aus süsch, mit chli meh Sehnsucht i den Ougen oder so öppis.» – Das wärmt den Goalie im Innersten und das Publikum erst recht…
Es ist nicht die Sucht nach dem Gift, die den Goalie in die Klemme bringt. Es ist vielmehr die Sucht nach der Wärme, die ihm der «Sugar» gibt. Und vielleicht leidet er ja auch ein wenig an der «Sehn-Sucht», der Sucht, sich für eine Frau zu verzehren, die für ihn unerreichbar bleibt. – Es ist eine dieser schönen, unerfüllten Liebesgeschichten, die die Handschrift von Pedro Lenz tragen.
Zubetonierte Lebensentwürfe
In diesen «Goalie», diese verkrachte Existenz mit der unbedingten Loyalität zu seinen Freunden, seinem Gerechtigkeitssinn und dem unwiderstehlichen Charisma müsste sich eigentlich jede Frau verlieben. Freund Ueli meint allerdings, dass sich bloss Frauen in einen Typen wie ihn verlieben, die ein bisschen am kaputten Leben schnuppern wollen. Die dann aber die Türe hinter sich zuschlagen, wenn es ihnen zu viel wird. Und zurückkehren zu ihren Träumen, welche der Goalie als Schlaftabletten-Träume bezeichnen würde. «...Schloftablette-Troim vom eigete Hüsli mit Parkett und Gartesitzplatz mit Wintergarten und vor dritte Sülen und au dene ganze, zuebetonierte Läbensentwürf.»
Zubetonierte Lebensentwürfe – einen Moment lang scheint dem Publikum der Atem zu stocken, so ruhig wird es plötzlich im Zuschauerraum. Vermutlich zieht am inneren Auge vorüber, was man selbst schon in Beton gegossen hat…
Der Goalie erklärt die Welt
Nicht nur Melancholie, sondern auch Selbstironie und Sprachwitz prägen die Geschichten des Goalies, der sich selbst und dem Publikum die Welt erklärt. Autor Pedro Lenz scheint mit seiner Figur zu verschmelzen, wirkt extrem authentisch. Innerlich bebt er, so deutet es zumindest seine Körpersprache an.
So viele Facetten machen den Zauber des Auftritts von Pedro Lenz aus: Es ist der Goalie, diese lebenskluge Figur, die doch am Leben scheitert. Der Reichtum der gesprochenen Sprache, der im Dialekt zum Tragen kommt. Einzelne Sätze, denen man nachhängen möchte. Und eine Geschichte, die einen erfüllt, erwärmt und nachdenklich macht.
Der Autor versteht es, in der szenischen Lesung verschiedene Figuren in Dialog zu bringen, indem er seine Sprechweise um Nuancen variiert. Nur wenige Male hebt er einzelne Figuren prägnanter hervor. Besonders witzig in diesem Zusammenhang: der imaginäre Monolog der potenziellen Schwiegermutter, die mit der guten Führung des Schwiegersohns ihm Knast prahlt.
Kosmos von Musik und Geschichten. Der Musiker Christian Brantschen lebt genauso in seinem Kosmos der Musik, wie Pedro Lenz in seiner Geschichte. Was der Patent-Ochsner-Musiker und Komponist von Film- und Theatermusik liefert, ist viel mehr als ein Zwischenspiel. Immer wieder nimmt er den Faden des Erzählten auf, kreiert Stimmungen, vermittelt die emotionale Aufgewühltheit des Goalies und dessen innere Unruhe. Eines Goalies, der sich als kleiner Junge nach einem Fussballspiel selbst zum Sündenbock machte, obwohl er nie im Tor stand. Bloss, um einem schwächlichen Mannschaftskollegen eine gewaltige Tracht Prügel zu ersparen. Nur dass der Goalie die Karte des Schwarzen Peters nie mehr los wird.
Erleben, hören, lesen
Wer die wundervolle musikalische Lesung verpasst hat, kann sich das neue Hörbuch «Der Goalie bin ig» zu Gemüte führen. Und selbst wer sonst einen grossen Bogen um Mundartliteratur macht, soll sich doch mal an den gleichnamigen Spoken-Word-Roman von Pedro Lenz wagen: Schon nach zwei oder drei Seiten ist der Dialekt leicht zu lesen und es eröffnet sich die Möglichkeit, den Text in seiner Gesamtheit zu entdecken. Und vor allem: das Ende der Geschichte zu erfahren. Denn dieses liess der Autor bei seinem Bühnenauftritt offen.