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schaffhauser az vom 10. November 2011 (pdf)
Musik trifft auf Poesie: Kleine Geschichten in Berner Mundart
Mit Schriftsteller Pedro Lenz und Rapper «Tommy Vercetti» präsentierten am Freitag gleich zwei «Houptstädter» ihre kleinen, aber feinen Geschichten dem Schaffhauser Publikum.
von MARLON RUSCH
Hochkarätige Musiker standen am vergangenen Freitag auf dem Ausgeh-Programm, doch ihre wortgewandten Bühnenpartner mit ihren leisen Geschichten drängten sie in TapTab und Kammgarn gleichermassen ein wenig in den Hintergrund.
In der alten Fabrikhalle machten Pedro Lenz und Christian Brantschen Halt auf ihrer «Goalie-Tour». Lenz las aus seinem Roman «Der Goalie bin ig» und wurde dabei vom Patent-Ochsner-Mann am Flügel begleitet. Brantschen, der langjährige Erfahrung als Theater- und Filmmusiker mitbringt, verstand es blendend, die Geschichte des «Goalie» musikalisch zu untermalen und die passenden Akzente zu setzen. Er war ausserdem für die Intermezzi zwischen den Kapiteln zuständig, in denen er mit eigens dafür komponierten Stücken die von Lenz’ melancholischem Roman erzeugte Stimmung bewahrte und von Episode zu Episode führte. Lenz, auch bekannt durch seine Kolumnen in NZZ und WoZ und von den DRS1-Morgengeschichten, ist ein Meister des «Spoken Word», einem Genre, in dem Texte eigens dafür produziert werden, um sie vor Publikum zu performen. «Der Goalie bin ig», 2010 erschienen, ist sein erster Roman und wurde auf Anhieb zum Bestseller. Dies, obwohl sich die Lektüre des Romans – zumindest für Nicht-Berner – teilweise als nicht ganz einfach entpuppt, wenn man sich die Mundart nicht selbst laut vorliest.
Ein herzensguter «Plouderi»
Der Ich-Erzähler, ein heruntergekommener, aber stets aufrichtiger Kerl, ist eben aus dem Knast entlassen worden. «Giftgschichte». Jetzt will er ein neues Leben aufbauen, die Vergangenheit hinter sich lassen, einen Job und ein regelmässiges Einkommen haben. Und vielleicht sogar ein bisschen Wärme und Zuneigung von Regula, der Serviertochter vom «Maison». Doch so einfach ist das nicht. Die Kollegen von früher haben sich kein bisschen verändert in dem Jahr, in dem er «dihinge isch gsi», und auch er selbst ertappt sich immer wieder, wie er spontan in ein «Rüschli inelaueret». Die Leserin oder eben der Zuhörer merkt bald, dass der «Goalie» ein Grundanständiger ist und gerade wegen seiner Anständigkeit von allen ausgenutzt wird. Ausser eben von der Regula. Lenz lässt seinen Protagonisten – obwohl etwas unbeholfen – grosse, existenzielle Überlegungen aus dem Alltag heraus anstellen. Schon nach den ersten paar Sätzen ist einem der «Goalie» sympathisch. Man kann gar nicht anders, als den melancholischen, selbstironischen «Plouderi» und seine loyale, handfeste Art zu mögen. Und wenn er dann erzählt, wie er – der nie im Tor stand – den Namen «Goalie» erhielt, ist es auch um die letzte Zuhörerin und den letzten Leser geschehen. Man munkelt, der Roman habe gewisse autobiographische Züge. Und wenn man Lenz auf der Bühne stehen sieht, wie er bedächtig gestikuliert und in einem Redeschwall liest, stellenweise beinahe ohne Punkt und Komma, meint man tatsächlich ein wenig, den wahrhaftigen «Goalie» vor sich zu sehen.
Die Besucher der gut gefüllten Kammgarn waren wunderbar unterhalten und mussten immer wieder schmunzeln und laut herauslachen ob der Gedanken des «Goalie» und der grossartigen Formulierungen, die wohl keinem heruntergekommenen Berner Stammtischhocker authentischer über die Lippen gehen.
19 Kurzgeschichten
«Tommy Vercetti», der zweite Berner Geschichtenerzähler des Abends, betrat die Bühne drei Stunden später als Lenz, das TapTab war im Gegensatz zur Kammgarn nicht bestuhlt, die Band brachialer, die Lichtshow nervöser. Doch die tiefsinnigen Geschichten, die der Mundart-Rapper – er gilt als einer der talentiertesten in der Schweizer Szene – in seine Tracks verpackt, stammen wie die vom «Goalie» direkt aus dem Leben. «Man muss das Album eigentlich an einem Stück in einem dunklen Zimmer hören», empfiehlt der 30-Jährige, und meint damit sein 2011 erschienenes, allererstes Studioalbum «Seiltänzer». Und er hat recht, das Album verlangt die volle Aufmerksamkeit des Zuhörers. Doch die bekommt Tommy Vercetti auch auf der Bühne. Mit einem guten Flow und seiner gewöhnungsbedürftig hohen Stimme rappte er sich durch die ruhigen, gefühlvollen Tracks. Unterstützt wurde er von seinen Bühnenpartnern Dezmond Dez und Manillio am Mic und einer vierköpfigen Band, welche die aufwändigen Instrumentale souverän und energiegeladen präsentierte und immer wieder die individuelle Klasse der einzelnen Musiker aufblitzen liess, die ihre Wurzeln vermutlich eher im Jazz als im Hip-Hop haben.