Medienspiegel
Der Bund, 7. Januar 2010
“Ästhetik und Rebellion. Das faszinierte mich.”
5 Fragen an…
INTERVIEW: REGULA FUCHS
Der Bund vom 7. Januar 2010 (pdf)
In Ihrem neusten Programm blicken Sie ins Jahr 1971 zurück, als die Schweizer Frauen erstmals wählen durften und die «Tagesschau» zum ersten Mal farbig gesendet wurde. Was war der Anlass, die Siebzigerjahre in den Fokus zu rücken?
Der Boxkampf zwischen Muhammad Ali und Jürgen Blin von 1971, der einzige von Ali in der Schweiz. Ich war damals sechsjährig. Ali war der berühmteste Boxer der Welt, und immer, wenn ein Kampf anstand, haben wir in der Schule wochenlang nur davon geredet. 1971 war aber auch das Jahr, als unsere Mütter endlich zur Urne gelassen wurden. Und hier ist die Verknüpfung zu Ali, der nicht nur im Ring kämpfte, sondern auch für die Rechte der Schwarzen: In der Schweiz gab es offensichtlich auch eine 2-Klassen-Gesellschaft.
Muhammad Ali, dieser boxende Maulheld, ist eigentlich eine ganz andere Figur als jene liebenswerten, aber ziemlich unperfekten Jedermänner und -frauen, die Sie sonst in Ihren Texten ins Zentrum stellen.
Ja. Aber es war nicht die Idee, eine möglichst «grosse» Figur zu suchen – es ging mir eher um die Wahrnehmung Alis. Als Kind wurde einem immer gesagt, er verkörpere das, was sich nicht gehört: unbescheiden sein, ein grosses Maul haben. Viel später erst habe ich erkannt, wie wichtig Ali für die Bewegung der Schwarzen war, bedeutender vielleicht noch als Martin Luther King. Als er etwa den Kriegsdienst in Vietnam verweigerte, setzte er seine Existenz aufs Spiel. Zudem interessierte mich an Ali auch sein Sinn für Ästhetik: als Boxer ebenso wie in Bezug auf sein Äusseres, denn auf Fotos war er immer perfekt gestylt. Ästhetik und Rebellion, das faszinierte mich. Über einen Mike Tyson hätte ich nicht schreiben wollen.
Sie lassen in «Tanze wie ne Schmätterling» eine Coiffeuse und einen Abwart auf Ali treffen. Welche literarischen Kniffe brauchts dafür?
Ich wollte Ali unbedingt an kleinen Figuren spiegeln, denn mir ist es wichtig, über Dinge zu schreiben, die ich kenne. Wenn diese Figuren reden, bin ich auf sicherem Boden. Wie ich sie aufeinandertreffen lasse? Die Coiffeuse schneidet Ali die Haare, der Haustechniker richtet die Handtücher für ihn her. Für beide ist es eine Begegnung, wie man sie nur einmal hat im Leben.
Hohe Stirnen, das ist immer ein Dialog zwischen Wort und Musik. Wie entsteht so ein Zwiegespräch?
Patrik Neuhaus und ich, wir sind viel zusammen unterwegs. Dann reden wir schon übers nächste Programm, beginnen, Texte und Musik zu sammeln, und tragen alles zusammen. Die Musik spielt eine wichtige Rolle, auch wenn die Leute sie oft nur unbewusst wahrnehmen. Hohe Stirnen ohne Musik, das wäre wie Kino ohne Musik.
Sie wurden auch schon als Menschenfreund beschrieben, der den kleinen Leuten eine Stimme gibt. Passt Ihnen dieses Etikett?
Grundsätzlich habe ich Menschen gern, das ist wohl die Bedingung, um so arbeiten zu können, wie ich es tue. Und ich denke, dass man über alle Leute interessante Geschichten erzählen kann, über Prominente vielleicht noch am wenigsten. Als Kind meinte ich ja immer, wenn ich «Derrick» schaute, dass alle Leute in Deutschland einen BMW, einen Flügel und einen Swimmingpool zu Hause haben. Solche Missverständnisse geschehen auch in der Literatur. Die Menschen, über die ich schreibe, sind nicht einfache Leute. Es sind einfach Leute.
