Medienspiegel

Der Bund, 8. April 2010
Der Geschichten-Dealer
«Der Goalie bin ig» heisst der erste Roman des Berners Pedro Lenz. Am Ende der gescheit unterfütterten Drögelergeschichte stellt sich die Frage, ob man die Mundartliteratur bisher vielleicht unterschätzt hat.

‘Der kleine Bund’ vom 8. April 2010 (pdf)

Der Goalie bin ig

von REGULA FUCHS
«Aagfange hets eigetlech vüu früecher.» Dies ist der Auftakt zu Pedro Lenz’ erstem Roman, und in diesem unspektakulären ersten Satz steckt schon vieles, worum sich «Der Goalie bin ig» dreht. Im Unspektakulären Gewichtiges orten – das ist nicht erst in diesem Buch eine Spezialdisziplin des Autors, Kolumnisten und Spoken-Word-Artisten Pedro Lenz, der sich schon immer für die kleinen Leute interessiert hat und sie die grossen Fragen stellen lässt. Denn, um auf den ersten Satz zurückzukommen: Wo eine Geschichte anfängt, ob sie schon immer da war und wie ein Erzähler sie strickt – das sind jene auch literarisch relevanten Fragen, um die es in diesem «Roman in gesprochener Sprache» geht.
«Aber i chönnt jetz ou grad so guet behoupte, es heig a däm einten Oben aagfange, es paar Tag nachdäm, dasi vo Witz bi zrügg cho.» In der Germanistik würde man denjenigen, der seine Geschichte so beginnt, einen unzuverlässigen Erzähler nennen. Und das ist er wahrlich, dieser 33-Jährige, den alle nur «Goalie» nennen: Der Ex-Junkie ist soeben aus der Haftanstalt Witzwil entlassen worden, wo er ein Jahr einsass, «Voupension, he jo, wäge Giftgschichte». Der Neuanfang im alten Schummertal, wo Goalie aufgewachsen ist, scheint allerdings zu gelingen, ein Job ist schnell gefunden und eine Frau auch, denn Goalie würde die Kellnerin Regula sofort nehmen, wenn sie nicht schon mit einem anderen liiert wäre. Und trotzdem wird so etwas wie eine Liebesgeschichte daraus.

Kaputte Herzenswärme
Goalies Schummertal ist eine Kleinstadt in der Schnittmenge von provinziellem Kleingeist und urbaner Gesichtslosigkeit, die natürlich an Langenthal erinnert, wo der 1965 geborene Pedro Lenz aufgewachsen ist. Goalie sagt, es sei ein Ort, wo jeder jeden kenne, aber niemand dem anderen etwas gönne, ausser vielleicht eine Grippe oder einen Hautausschlag. Und dennoch temperiert Lenz diese kleinstädtische Unterkühltheit mit einer Art kaputter Herzenswärme. Denn er zeichnet die Fixpunkte im Alltag seines Helden – die ziemlich heruntergekommenen Beizen mit ihren ziemlich heruntergekommenen Gästen – als Orte des kleinen Trosts: Im Neonlicht hängen vergilbte Fussball-Wimpel, die Uhr im Cinzano-Schild über der Bar ist längst stehen geblieben, und im «Bahnhof» sitzen zuverlässig stets jene «Lappine», die über dem Bier «warte, bis d Zyt umegeit und wahrschinlech nid emou unzfride si derbi, wöu früecher oder spöter geit d Zyt gäng ume».
Natürlich trifft Goalie auch wieder auf jene Freunde, die diesen Namen vielleicht gar nicht verdienen: auf den misstrauischen Wirt Pesche, auf den himmeltraurigen «Grämmli-Dealer» Stoferli und auf Ueli. Mit ihm, Ueli, hat Goalie seine Kindheit und Jugend geteilt, mit ihm ist er auf die Droge gekommen, welcher Ueli noch immer verfallen ist. Natürlich ist Goalie, der höchstens ab und zu in ein «Rüschli inelaueret», wie Lenz das so schön formuliert, noch immer gefährdet. Doch um die Sucht an sich geht es in diesem Roman nicht, weder um die Verführungskraft des Gifts noch um das vergiftete Umfeld, das den einst Süchtigen wieder zu vereinnahmen droht. Lenz macht aus der Situation seines Helden vielmehr einen Versuch über die Kraft der Fiktion, über die Heilsamkeit von Geschichten. Denn er führt vor, wie sich einer, der beständig durch die Netze zu fallen droht, selber ein Netz aus Geschichten spinnt, um sein, wie er sagt, komisches Leben zu begreifen.

Kleine Geschichten, grosse Fragen
Goalie ist ein Laferi, ein Plouderi, ein ewiger Geschichtenerzähler mit einem äusserst gut geölten Mundwerk. Er nimmt damit nicht nur Regula für sich ein, sondern auch den Leser. Nie ist er um ein Wort verlegen, zuverlässig beliefert er sein Gegenüber mit einer Antwort und einer Geschichte, vielleicht einfach nicht jener, die das Gegenüber hören will oder die ihm selber guttut. Auch als Angeklagter vor dem Richter, der ihn zu einem Jahr Witzwil verurteilt hat: «Chanis ächt der Aaklagt säge, worum daser zu jedere Frog irgend es Gschichtli verzöut, aber nie e ganzi, zämehängendi, iilüchtendi Fassig vo auem?» Worauf Goalie antwortet: «I gseh immer nume di chliine Gschichte. Für die grossi, zämehängendi Geschicht, mit Logik und Spannigsbogen und auem, was derzue ghört, do fäuht mir gloub eifach d Begabig.»
Das ist die nicht kleine Kunst von Pedro Lenz: dass er die grosse Frage, ob es die eine Wahrheit überhaupt gebe oder nur viele widersprüchliche, nebensächliche und unlogische Wahrheiten – dass er diese Frage einem Ex-Drögeler in den Mund legt, einer Figur, die er zudem ganz nonchalant in die Tradition der Schelmen und Taugenichtse der Literatur stellt.

Im Hort der Vergangenheit
Das Netz der Geschichten, das Goalie webt, um sich seiner selbst zu versichern, ist allerdings ein ziemlich löchriger Schutzmantel für einen ebenso komischen wie tragischen Helden, der ständig zu scheitern droht – am Alltag, an sich selbst und vor allem: an der Zukunft. Die «zuebetonierte Läbensentwürf» mit eigenem Haus, Wintergarten und dritter Säule sind keine Aussicht für ihn, die Droge allerdings auch nicht mehr. Und so wird die Kindheit zum Hort, in den sich Goalie flüchtet, und immer wieder erzählt er Geschichten darüber, wie er einst mit den Kindern von Schummertal gegen die «Tschinggen» vom Gaswerkweg Fussball gespielt hat – jene Geschichten, in denen klar wird, warum er Goalie heisst, obwohl er nie im Tor stand, und wie er sich einst selber zum Sündenbock gemacht hat.
Allmählich dämmert es Goalie nämlich, dass seine Verurteilung vielleicht nicht ganz rechtens war, und so flicht Lenz in seinen Roman ein Rätsel, das die Geschichte vorantreibt. Zudem unterfüttert der Autor seine Erzählung mit Literatur, indem er seinen Helden John Steinbecks «Tortilla Flat» und «Of Mice and Men» lesen lässt – Werke, in denen sich Goalies eigenes Schicksal spiegelt. So hat man am Schluss ein ziemlich dichtes literarisches Geflecht vor sich, das aber den Eindruck einer locker erzählten Schwindelei macht; geschrieben in einer Sprache zwischen Gossenslang und Oberaargauer Beizengefasel, die Lenz so kunstvoll strickt, dass sie sich anhört wie eine Direktschaltung aus dem Leben.
Und nach der Lektüre von «Der Goalie bin ig» ist man vielleicht ein wenig überrascht, dass jemand so eine mannigfaltige literarische Landschaft zwischen Olten und Niederbipp aufstöbert und zum Blühen bringen kann. Pedro Lenz ist es gelungen.

Pedro Lenz: Der Goalie bin ig. Verlag Der gesunde Menschenversand, Luzern 2010. 183 Seiten, ca. Fr. 25.–.
Buchvernissage: Mittwoch, 28. April, 20 Uhr, Buchhandlung Thalia Bern (gemeinsam mit Beat Sterchi).

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Pedro Lenz