Medienspiegel

Sonntagszeitung vom 29. Januar 2012 (pdf)

Der Goalie in der Bundesliga

PUNKTETE BEIM SCHWEIZER PUBLIKUM MIT MUNDARTROMAN:
Schriftsteller Pedro Lenz

Pedro Lenz will Deutschland und Österreich mit seinem Dialektroman «Der Goalie bin ig» erobern - in einer hochdeutschen Übersetzung

von DANIEL ARNET

«Angefangen hat es eigentlich viel früher.» Der Schweizer Schriftsteller Pedro Lenz, 46, liest laut vor. Sein Kollege, der Lyriker Raphael Urweider, sitzt daneben und hört gespannt zu. «Halt!», ruft er nach einer Weile dazwischen, und die beiden beugen sich über das Manuskript. Sie diskutieren über eine Textstelle und überlegen, wie sie mündlicher und weniger nach Schriftsprache klingen könnte.

«Aagfange hets eigetlech vüu früecher.» Dies ist der erste Satz aus dem erstaunlichen Erfolgsroman «Der Goalie bin ig», den Pedro Lenz in Langenthaler Dialekt geschrieben hat. Darin plaudert ein 33-jähriger Drögeler, den alle Goalie nennen, aus seinem Leben: Nach einer Haftstrafe «wäge Giftgschichte» kehrt er in sein Heimatdorf Schummertal zurück und versucht einen Neuanfang.

Das im Frühjahr 2010 erschienene Buch wurde in der Schweiz bereits 16 000-mal abgesetzt, und vom Hörbuch gingen nochmals 2000 Stück über den Ladentisch - ein sensationelles Ergebnis für einen Dialektroman.

Raphael Urweider hat das Werk nun ins Hochdeutsche übertragen, damit man das Buch auch ennet dem Rhein lesen kann. Goalie heisst jetzt Keeper, weil das deutschere Wort Torwart sich nicht als Übername eignet. «Der Keeper bin ich» kommt im Februar in den Buchhandel.

Mögliche Leserschaft von vier auf über 80 Millionen steigern

Der Goalie mutiert zum Stürmer und setzt zum Punkten an: Das ursprünglich für einen Markt von drei bis vier Millionen Deutschschweizern geschriebene Werk wird dann auf einen Schlag für weitere 80 bis 90 Millionen potenzielle Leser in Deutschland und Österreich zugänglich.

«Der Goalie bin ig» in einem anderen Idiom? Unmöglich! Doch, das funktioniert: Bereits gibt es eine Übertragung ins Italienische. Kürzlich machte die RAI «In porta c’ero io!» zum Buch der Woche und lud den Autor auf ein Interview ein. Für 2013 ist eine Übersetzung ins Schottische geplant - vom schweizerischen in den englischen Dialekt sozusagen. Und auch fürs Französische hat man einen Verlag gefunden. Damit dürfte «Der Goalie bin ig» zum meistübersetzten Schweizer Mundartwerk werden.

Ursprünglich gab es den Romanbeginn nur als Text für eine Lesung der Spoken-Word-Gruppe «Bern ist überall». Die darin vereinigten Autoren wie Beat Sterchi, Guy Krneta oder Pedro Lenz wollen mit ihrer Performance dem mündlichen Wort zu mehr Gewicht verhelfen.

Es war denn auch ein Gespräch, das Lenz zu seinem Beitrag animierte: Als er 2007 in seinen Heimatort Langenthal ging, wo er wohlbehütet als Sohn des damaligen Direktors der Porzellanfabrik und einer spanischen Mutter aufwuchs, traf er einen ehemaligen Schulkollegen. Der arbeitete inzwischen als Pöstler und erzählte Anekdoten aus dem Städtchen. Die Sprache packte Lenz sogleich, und er schrieb den kurzen Text für seine Lesung.

Als sein befreundeter Verleger Matthias Burki davon hörte, überredete er den bis dahin vor allem als Kolumnisten bekannten Lenz, daraus seinen ersten Roman zu machen. Burki veröffentlichte ihn dann in seinem Verlag: Die Geschichte über den Verlierer Goalie wurde zur Erfolgsgeschichte.

Deutsches Interesse dank Schweizer Buchpreis

Schillerpreis für Literatur der deutschen Schweiz, Literaturpreis des Kantons Bern und Kulturpreis vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund - Lenz bekam für «Der Goalie bin ig» viele Ehrungen. Die zusätzliche Nomination für den angesehenen Schweizer Buchpreis 2010 brachte ihm mit den anderen Nominierten Auftritte in Frankfurt und München ein. «Wenn ich dort auf Schweizerdeutsch aus dem Buch vorgelesen hätte, wäre das nutzlos gewesen», sagt Lenz. Stattdessen behalf er sich mit einer provisorischen Übersetzung.

Das Publikum war angetan. Um die Nachfrage zu befriedigen, musste eine definitive Übertragung ins Hochdeutsche her. Pedro Lenz wandte sich an seinen Berner Kollegen Raphael Urweider, 37. Der Pfarrerssohn, der schon 1999 den Leonce-und-Lena-Preis für Nachwuchslyriker gewann, ist im Hochdeutschen ein gewandter Sprachakrobat.

Selber traute sich Pedro Lenz diese Arbeit nicht zu: «Während ich zwischen einem Tubel, einem Löu und einem Brezelibueb genau unterscheiden kann, fehlen mir diese Finessen in der Schriftsprache.» Lenz ist ein währschafter Spracharbeiter. Bevor er sich 2001 zum freien Schriftsteller erklärte und mit seinen Händen Sätze zu tippen begann, hatte er auf Baustellen zünftig zugepackt: Sein erlernter Beruf ist Maurer.

Beim Einreissen der Sprachmauer zwischen der Schweiz und Deutschland kam allerdings auch Urweider an Grenzen und musste oft mit einem deutschen Lyriker Rücksprache halten, damit die Sprache aus dem Drogenmilieu authentisch klingt.

Auch wenn Lenz überzeugt ist, dass Schweizer, die beide Versionen vergleichen können, an der Übersetzung rummäkeln werden, ist er selber mit dem Ergebnis sehr zufrieden. So ist er nun gerüstet für Lesungen in Deutschland und Österreich. Trotz perfekter Übersetzung wird es bei diesen Auftritten nicht ohne dialektale Färbung gehen; denn Lenz weigert sich, Bühnendeutsch zu sprechen. «Für mich sind die Schauspielschulen die Totengräber der sprachlichen Vielfalt», sagt er mit Vehemenz. «Die sind stolz darauf, wenn sie jede Färbung ausmerzen - ich finde das eine Katastrophe.»

Und so werden im März, wenn Lenz zum ersten Mal in Deutschland aus «Der Keeper bin ich» lesen wird, einige im Publikum sitzen, die das Gehörte für Schweizer Dialekt halten werden.

Schweizer Buchpremiere von «Der Keeper bin ich» (Bilger-Verlag) am 28. 2. im El Lokal in Zürich

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