Medienspiegel
St. Galler Tagblatt, 29. September 2011 (pdf)
Am Literaturfest gibt Pedro Lenz am Samstag die Schweizer Premiere der musikalischen Lesung zu seinem feinsinnigen Débutroman «Der Goalie bin ig». Ein Gespräch über Milieusound und den Begriff des Volksdichters.
«Ich finde, ich erfinde nicht»
Interview: MICHAEL HASLER
Pedro Lenz, wussten Sie, dass Sie mit 2,02 Meter gleich gross wie Ex-Liverpool-Stürmer Peter Crouch oder Chelsea-Weltklassetorhüter Peter Cech sind?
Pedro Lenz: (lacht) Das wusste ich nicht. Aber leider bin ich im Gegensatz zu diesen beiden Spielern ein ziemlicher «Gstabi».
Aber für einen Goalie hätten Sie doch ziemlich gute Voraussetzungen mitgebracht?
Lenz: Das stimmt, und ich habe als Bub auch in jeder freien Minute Fussball gespielt. Bei mir hat es aber nicht mal für den Fussballclub gereicht. Ich war einfach zu wenig schnell.
Die Frage nach Ihrer fussballerischen Vita musste natürlich gestellt werden, weil sie mit «Der Goalie bin ig» zwar keinen Fussballroman geschrieben haben, aber einen, in dem zumindest die Symbolik des Fussballs eine Rolle spielt. Was hat Sie an der Figur des «Goalies» interessiert?
Lenz: Der Torwart ist der einzige Spieler, der ein anderes Leibchen als seine Mitspieler trägt und für ihn gelten eigene Regeln. Er ist so etwas wie ein Aussenseiter im Spiel. Dem Torwart haftet oft auch das Versagen an. Macht er einen Fehler, kann er den kaum mehr wieder gutmachen. Mich interessieren solche Verliererfiguren.
Ihr Roman spielt in Langenthal, am Rand der Gesellschaft, im «Drögelermilieu». Wie ist Ihnen diese Geschichte zugefallen?
Lenz: Es ist mir weniger eine Geschichte als vielmehr ein Sound zugefallen. Weil ich diesen Sound gefunden habe, ist mir das Milieu wieder bewusst geworden; daraus ist die Geschichte gewachsen.
Aus einem Sound?
Lenz: Ja, vor einigen Jahren habe ich einen Langenthaler getroffen, der in einer eigenen Art und mit einem eigenen Klang gesprochen hat, einem Milieusound, der mich an meine Jugend in Langenthal erinnerte.
Sie haben einmal gesagt, dass Sie nicht besonders phantasievoll seien. Dies legt nahe, dass Ihr Roman also nahe am Leben schrammt?
Lenz: Es ist sicher so, dass ich besser bin im Finden als im Erfinden. Alles, was ich schreibe, hat sehr viel mit dem zu tun, was ich real beobachte oder erlebe.
Würden Sie gelten lassen, dass ich Sie als Volksdichter sehe?
Lenz: Das stimmt sicher in einem gewissen Sinn. Aber mir geht es nicht darum, für eine bestimmte Gesellschaftsschicht zu schreiben, sondern für alle, die Interesse haben. Und mir ist es wichtig, für meine Geschichten eine literarische Sprache zu finden.
Was halten Sie – durchaus sympathisch zu verstehen – von der Bezeichnung «Züri West» oder «Gölä» der Schweizer Literatur?
Lenz: Das würde mich ehren. Ich habe grössten Respekt vor «Züri West», auch literarisch gesehen. Bei Gölä ist das etwas komplizierter, das kann einem gefallen oder nicht. Aber, und das verbindet uns, er ist er, ich bin ich. Wir sind wohl ziemlich authentisch.
Ist Pedro Lenz eine Kunstfigur?
Lenz: Es ist eine Kunstfigur, aber die ist sehr nahe bei mir.
Mit Ihrer Sprache schwingt immer ein bluesiger Hintergrundsound mit. Ist diese Kunst der Melancholie eine Gabe oder sehr viel Arbeit?
Lenz: Ich erschaffe jeweils für eine Geschichte oder eine Figur eine sehr künstliche Sprache, damit nachher der Eindruck entstehen kann, sie sei natürlich. Ich lese Abschnitte immer wieder laut durch und suche einen Rhythmus oder einen Klang, bis es fliesst. Insofern ist es sehr viel Textarbeit.
Sie haben eine wunderbare Stimme, Ihre Lesungen klanglich ein Genuss.
Lenz: Ich war viel mit Musikern und Schauspielern unterwegs. Von Ihnen habe ich gelernt, Lust auf der Bühne zu entwickeln. Und dann mache ich gerne Lesungen, darin unterscheide ich mich von anderen Autoren.
Ich hätte Sie eher für ein Fluchttier gehalten?
Lenz: Das ist wie ein- und ausatmen. Ich bin gerne in der Beobachterposition, und das Schreiben an sich ist ja eine fast autistische Tätigkeit. Aber ich brauche auch ein Gegengewicht. Lesungen sind so etwas wie ein Ausgleich.
Lesungen: Palace, 21, 22 und 23 Uhr In diesen Tagen erscheint das mit Christian Brantschen (Patent Ochsner) eingespielte Hörbuch zu «Der Goalie bin ig», und eine Produktionsfirma will das Buch verfilmen. Noch laufen dafür aber diverse Abklärungen.