Medienspiegel
Tages-Anzeiger, 13. April 2010
Hängen bleiben, drögelen und Rotwein trinken auf dem Lande: Pedro Lenz legt mit «Der Goalie bin ig» seinen ersten Roman vor. Ein grosses Lesevergnügen in Berndeutsch.
Tages-Anzeiger vom 13. April 2010 (pdf)
Ode an die Gescheiterten der Provinz
von CHRISTOPH FELLMANN
Goalie schaut nicht gern nach vorn: «Du verlürsch der Job. Macht nüt, muesch füre luege! Du verlumpisch. Macht nüt, muesch füre luege! Du hesch Chräbs. Füre luege! (...) Wenns hinge besser usgseht aus vore, de luegeni lieber hingere. »Nicht, dass es bei Goalie hinten besser aussähe als vorne, er kommt gerade aus der Strafanstalt von Witzwil, als sein Bericht einsetzt. Aber wer zurückschaut, der hat etwas zu erzählen; zum Beispiel, wie es kommt, dass man einen, der auf dem Bolzplatz so viele Tore geschossen hat wie sonst keiner, den Goalie nennt. Und Goalie, ja, das ist ein Erzähler und Laferi vor dem Herrn und Rotweinglas. Und was vor einem liegt, lässt sich nun mal nicht erzählen: «Zuekunft isch e wite Begriff, vor auem, wenn de nid weisch, was no aues chunnt.» Und da trifft sich der Goalie mit seinem Erfinder, dem Berner Autor Pedro Lenz. Die Räubergeschichten der Leute hätten ihn ursprünglich auf die Literatur gebracht, sagt er; eine Oral History, wie sie in Znünipausen und in langen Abenden im Wirtshaus immer neue Fäden zieht. «I lose gärn zue, wenn eine sis Läbe nöi erfingt», sagt der Goalie.
Und so gehen wir in «Der Goalie bin ig», seinem erstem Roman, zurück nach Langenthal, wo der 1965 geborene Pedro Lenz aufwuchs, und das im Buch jetzt Schummertal heisst. «Ich habe das gut in Erinnerung», sagt Lenz: «In der Zeit, in der die Geschichte spielt, begann ich, am Abend wegzugehen. Ich setzte mich in die Beizen und saugte alles auf.» Die Typen, die er an den Stammtischen der frühen 80er-Jahre traf, verkörperten für ihn die antibürgerliche Avantgarde, all das, «was wir für weltgewandt und mit allen Wassern gewaschen hielten».
Hallodris und Schwadroneure
Dass es sich um die üblichen Altrocker, die Sitzengebliebenen und Kleinkriminellen der Provinz handelte, ging ihm dann zwar schon noch auf. Die Sympathie für dieses Milieu hat sich Pedro Lenz allerdings erhalten. «Diese Leute sind das Gegenmodell zum visionären Erfolgstypen, den man uns als Ideal verkauft, und also die grosse Mehrheit.» Lenz kennt sie aus Langenthal, aber auch aus der Zeit, als er das Gymnasium für eine Maurerlehre abbrach – und noch heute schreibt er auch für sie, etwa in einer Kolumne im «Blick».
Man begegnet den Schwadroneuren und Hallodris in vielen seiner Texte. In Kurzgeschichten und Spoken-Word-Monologen gehen sie um. Sie erweisen sich zwar meist als harmlos, bringen aber ein bisschen Unheimlichkeit in den Alltag des Normalbürgers: Sie labern auf eine junge Frau im Schwimmbad ein, drängen mit ihren verworrenen und viel zu langen Geschichten ins Morgenradio oder beweisen dem Gegenüber im Tearoom wortreich, dass man zufriedener durchs Leben geht, wenn man für einen Café crème nicht zu viel Trinkgeld gibt.
Und jetzt sitzen sie in Lenz’ erstem Roman im «Maison», der Dorfchnelle, in der die schöne Regula serviert, und wo nun Goalie eintrifft und darüber nachzudenken beginnt, welche vermaledeite Wendung seiner Drogengeschichte es eigentlich war, die ihn damals nach Witzwil gebracht hat. Nach 170 Seiten seines Monologs wird er es herausgefunden haben.
Ein grosses Publikum dürfte Pedro Lenz vor allem von seinen Auftritten kennen, die ihn quer durchs Land vom Kulturverein im Kaff in den hippen Zürcher Club und wieder zurück tragen. Wer Lenz als Performer seiner Texte kennt, ihn aber noch nie gelesen hat, muss sich bei «Der Goalie bin ig» eingewöhnen: Da glaubt man schon mal, «Youtube» gelesen zu haben, bis man zurückgeht und merkt, dass es ja «Voutobu» heisst («Volltrottel»).
Nach ein paar Seiten aber zieht einen der Oberaargauer Dialekt wohlig orgelnd mit. Die tendenziell bittere Geschichte um diesen Goalie sorgt dafür, dass es nicht zu gemütlich wird, aber auch die Grausamkeiten, die Lenz fein rhythmisiert in den Text setzt. Dann unterhalten sich zwei Captains, wer den grässlich untalentierten Fussballer der Klasse in sein Team aufnehmen muss: «Dä chöit dir no ha.» – «Nei nämet dir ne, mir bruchene nid.» – «Nei, dir nämetne, mir si sowieso eine meh.» – «Dasch gliich, dir chöitne ha.» So schnell ist ein Altersgenosse überflüssig – und ein Goalie nostalgisch: «Di Nomitäg chöme nie meh zrügg.»
Es ist ein Klischee der Mundartliteratur, dass in ihr ein urchig-schönes Idiom aufbewahrt wird. Ganz besonders bei Pedro Lenz, der sich zuallererst dafür interessiert, wie die Leute wirklich reden. Und da heisst es von der Serviertochter Regula nicht nur: «Dasch e Gueti, die chame rüehme»; sondern eben auch, dass Goalie sie am liebsten «jetz grad hei näh und verruume» würde. Was Lenz an der Mundart liebt, ist nicht Reinheit, sondern das Gegenteil: «Gerade die Leute vom Rand entwickeln ganz eigene Sprachmuster. Als ich jung war, beeindruckten mich Drögeler. Wenn einer vorbeitorkelte, meinten die: ‹Dä hets wahnsinnig im Bitz umegschlage.› Das ist doch schön gesagt.» Zum Beobachter der Sprache und der Slangs, sagt Pedro Lenz, sei er als Kind geworden: Als Sohn einer Spanierin und eines Schweizers sprach er zu Hause, bevor er zur Mundart kam, jahrelang nur Spanisch.
Reden und Flunkern
Heute ist Pedro Lenz ein Meister darin, Redensarten, die viel Ungesagtes verbergen, in seine Texte einzubauen. Auch im Roman gibt es grossartige Beispiele dafür. Da ist einer nah dran an den Leuten und übersetzt ihre Art zu reden in eine präzise literarische Sprache. Was es bedeutet, in einer Sprache zu schreiben, die ihm nicht derart vertraut ist, erfährt Lenz mit «Inland», einem Roman in Deutsch, aus dem er vor zwei Jahren im Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis vorgetragen hat und an dem er immer noch sitzt. «Der Goalie» mit seinen Geschichten habe sich nun auf- und dazwischengedrängt, sagt Lenz. «Natürlich hat er mich immer wieder angeflunkert, und klar habe ich es gemerkt. Aber das Ärgerlichste ist ja, wenn einer eine Geschichte erzählt, und ein anderer sagt: Das kann gar nicht sein. Er mag ja recht haben, aber ich will trotzdem die Geschichte hören.»
Pedro Lenz: Der Goalie bin ig.
Verlag Der gesunde Menschenversand,
Bern, 2010. 192 S., ca. 25 Fr.
Pedro Lenz
Autor und Performer
Pedro Lenz wurde 1965 in Langenthal geboren und lebt und arbeitet heute in Bern. «Der Goalie bin ig» ist sein erster Roman; ein zweiter in Deutsch («Inland») soll nächstes Jahr erscheinen. Bekannt wurde Lenz aber auch durch seine Auftritte an Poetry Slams und durch seine Kolumnen für diverse Zeitungen. Die Kolumnen, Gedichte und Kurzgeschichten sind in verschiedenen Büchern greifbar, wunderbar ist auch sein «Kleines Lexikon der Provinzliteratur» (Bilger), in dem er Leben und Werk fiktiver Dorfschriftsteller versammelt.
Pedro Lenz ist Teil des Bühnenkollektivs «Bern ist überall» (mit u. a. Guy Krneta und Beat Sterchi) und der Hohen Stirnen, einem Duo mit Patrik Neuhaus an Piano und Akkordeon. Diese und andere Spoken-Word-Programme sind zum Teil auch auf CD greifbar, besonders schön ist «Angeri näh Ruschgift» (Verlag Der gesunde Menschenversand).
