Medienspiegel

Schaffhauser Nachrichten vom 7. November 2011 (pdf)
Ein berauschend ehrlicher Abend mit Pedro Lenz und Christian Brantschen.

Pedro Lenz erzählt von den kleinen Leuten

VON BEA WILL

Pedro Lenz, einer der bekanntesten Mundartwortartisten der Schweiz, und Christian Brantschen (Tastenmann u. a. von Patent Ochsner) betraten die Kammgarnbühne am Freitagabend vor vollen Rängen. Sie führten das Publikum mit einem anrührend ehrlich dargestellten Romanhelden, dem Exjunkie «Goalie» und einer eigens zu diesem Roman komponierten Musik souverän durch einen stimmungsreichen Abend. Pedro Lenz eröffnete die Lesung nach einem angenehmen musikalischen Auftakt seines Begleiters mit dem Anfang seines Schelmenromans «Der Goalie bin ig». Der Goalie war wegen Drogengeschichten («Giftgschichte») im Knast und kommt zurück in sein Dorf mit einem «und ig äs Härz so schwär wie nen aute nasse Bodelumpe».

Ein wenig Gesellschaft
Als Erstes zieht es den Goalie ins «Maison», wo er sich ein wenig Gesellschaft erhofft und sich bei Regi zunächst mal einen Kaffee fertig bestellt, den er nicht bezahlen kann. So fragt er, nachdem die Serviererin ihm schon seinen Kaffee fertig nicht verrechnet hat, mal vorsichtig nach: «Hei Regi, chasch mir nid bis am Mändig ä Grüeni entbehre? Weisch, ha drum ziemlech vüu z guet, aber gägäwärtig fasch gar nüt im Sack, es Problem ir imaginäre Erfolgsrächnig, wenn d weisch wieni meine.» Sie meint darauf nur, dass er sich offenbar nicht verändert habe. Und bringt ihm, weil sie eine Liebe ist, später dann doch eine klein zusammengefaltete Fünfzigernote. An diesem Tag verknallt sich der Goalie in die Regula vom «Maison». Er wird sich dieser Tatsache bewusst, als er danach beim Spanier gegenüber essen geht. In den folgenden Ausschnitten aus dem Buch geht es zum einen um diese Liebesgeschichte zwischen dem Goalie und Regi, zum anderen um das Wiedersehen mit seinem alten Kumpel Ueli und dessen Frau Marta und weiteren mehr oder minder dubiosen Wegbegleitern des Goalies, zudem wird auf einem der Höhepunkte des Romans erklärt, wie der Goalie zu seinem Spitznamen kam. Dass die Resozialisierung eines mässig hoffnungsvollen Protagonisten und Geschichtenerzählers phasenweise gelingt, bleibt fast nebensächlich, da sich wegen einer gemeinen Intrige in diesem Roman der Wind nochmals gehörig drehen wird. Mehr wird nicht verraten, denn es sollen noch möglichst viele Menschen die Chance haben, sich persönlich in dieses respektvoll zärtliche, heiter bis wolkige Buch zu vernarren. Das Publikum hört entspannt, erheitert und konzentriert dem gelesenen Spoken Script zu und geniesst die Klänge des Ambiente schaffenden Brantschen auf seinem Flügel. Mal begleiten die Melodien Brantschens den Text nur, mal teilen oder unterbrechen sie die Geschichte und lassen so Zeit zum Nachdenken. Oft unterstreichen sie die gelesenen Szenen und steigern so die Spannung des Textes. Unbestritten eine gelungene und respektvolle Zusammenarbeit der beiden Bühnenkünstler und langjährigen Freunde.

Die Sprache des Alltags
Pedro Lenz schreibt in der Sprache, die er spricht und die er von den Leuten, die ihn im Alltag umgeben, hört. Er benutzt Sprache, die er kennt und an die er sich erinnert, wenn er an Typen der «Szene» im «Schummertau» (Langenthal) denkt, und mit dieser Sprache trägt er die Leserschaft ganz nahe an seine Figuren heran. Man glaubt bald, den Goalie oder Typen wie diesen persönlich zu kennen, ihnen zu begegnen in der eigenen kleinen Stadt ... Und das ist die grosse Kunst von Lenz. Er bringt die Leser- und die Zuhörerschaft dazu, im echten Leben plötzlich auf Menschen zu achten, die sie vorher vielleicht nicht gesehen oder gar bewertet haben. Pedro Lenz wertet nicht, er lässt seine Figuren leben, erzählt von ihnen, lässt sie erzählen oder «liire» und bringt ihnen so Würde und Respekt entgegen.

zurück zur Übersicht