Medienspiegel
Tages-Anzeiger, 09.06.2008
Pedro Lenz, Kultautor und einziger Schweizer in Klagenfurt
Der Berner Poet von der traurigen Gestalt
Hauptsache Sprache. Pedro Lenz ist Kolumnist, Mundartdichter, Slam-Poet, Romancier. Als Sprach- virtuose schaut er dem gemeinen Volk aus Maul.
Der gelernte Maurer Pedro Lenz schreibt und rezitiert im Akkord. Wöchentlich verfasst er drei Kolumnen (WOZ, «Der Bund», «Langenthaler Tagblatt»), als Slam-Poet und Wortperformer bestreitet er 300 Auftritte pro Jahr. Noch eine beeindruckende Zahl: Der Mann aus Langenthal ist 202 cm lang und gilt darum als der grösste Dichter dieses Landes.
Hang zur Grösse kann man Lenz dennoch nicht nachsagen. Seine Kolumnen sind von unten geschrieben. «Ich sehe mich politisch eher als Störenfried und hole bisweilen die politisch Mächtigen vom Sockel.» Seine Gedichte und Monologe sind nicht von Helden und Siegern bevölkert, sondern von Losern, von den Verlierern im hinterhältigen Alltag. Von Hösu zum Beispiel, dem sie als Bub in der Unterführung die Hände auf den Rücken fesselten und die Hosen runterliessen, von der einst als Tänzerin begehrten Fabrikarbeiterin, die längst nicht mehr tanzt, von Matrosen, die nicht schwimmen können…
Lachen als Schmiermittel
Wer Pedro Lenz, Jahrgang 1965, auf der Bühne sieht, glaubt den leibhaftigen Buster Keaton vor sich, der mit grossen traurigen Augen ebenso traurige Geschichten erzählt, selber nie lacht, das Publikum aber ständig zum Lachen bringt. «Ich bemühe mich, ernst zu bleiben, damit die Leute frei sind, auch mal nicht zu lachen.» Zu lachen gäbe es eh wenig. «Das Lachen ist wohl das Schmiermittel, um meine tragischen Geschichten überhaupt auszuhalten», sinniert der Autor. Wenn Lenz seine Monologe wie «Zwüschemönschlech», «Am Hugo sy Vatter», «Göttiching» oder «Sone Sou» vorträgt, dann trägt auch sein lautmalerisches Berndeutsch zur Komik bei.
Der Mundart bedient er sich, wenn es um die Abbildung von Sprache geht - vor allem zum Vortragen auf der Bühne oder für Theaterstücke. Spoken Word heisst diese literarische Gattung, die den Leuten aufs Maul schaut, dem gemeinen Volk vor allem. Auch wenn sich Lenz nicht als Arbeiterliterat versteht, so gibt doch der Stammtisch den potenziellen Stoff ab für seine Geschichten. Einige der eingängigsten sind seine «Monologe des Kummers» auf der CD «I wott nüt gseit ha».
Lenz ist Mitglied der Spoken-Word-Gruppe Bern ist überall. Die Mundart-Autoren haben sich vorgenommen, die Mundart aus dem «Bluemätrögli»-Getto herauszuholen. «Wir sind keine Dialekt-Polizisten oder Sprachpessimisten, die die Mundart bewahren wollen. Wir brauchen durchaus auch englische Ausdrücke.» Lenz ist zudem gern gesehener Autor an Poetry Slams, jener neuen Veranstaltungsform, an der mehrere Autoren ihre Prosa oder Lyrik vortragen, und das Publikum danach mit Applaus bestimmt, wer von ihnen nochmals auftreten soll.
Tintensaufen auf der Lesebühne
Als der Maurer aus Langenthal die Passion zur Sprache entdeckte, nahm er seine Weiterbildung an die Hand: Vier Jahre Theologiekurs für Laien, Maturität, ein paar Semester Spanische Literatur an der Universität Bern. Sein Debüt als Autor gab Lenz als Kolumnist. Und der mag seiner Leserschaft nicht erzählen, mit welchen bedeutenden Persönlichkeiten er in der zurückliegenden Woche eine Wurst gegessen hat oder spazieren gegangen ist. Auf Politik pur will er seine Kolumnen auch nicht reduzieren. «Das wird schnell propagandistisch und unliterarisch.» So haben seine Glossen oft mit Sprache und Redensarten zu tun, der Zyklus «Schweizerdeutsch für Fremde» etwa. Der Kultautor hält es mit den spanischen Literaten, die sich nicht zu gut sind, zum Broterwerb auch für Zeitungen zu schreiben. Die hier zu Lande übliche Abgrenzung, «dass man nur für die Zeitung schreibt oder nur für das Buch oder die Bibliothek», ist ihm ganz fremd.
Lenz, der auf der Lesebühne «Tintensaufen» seit sechs Jahren Schriftsteller wie Peter Weber auftreten lässt, wird erst seit kurzem selber als ernst zu nehmender Literat wahrgenommen. Eben hat ihn die Stadt Bern mit dem Literaturpreis ausgezeichnet. Und Ende Juni wird er - notabene als einziger Schweizer - in Klagenfurt mit österreichischen und deutschen Autoren um den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis wettlesen und das Eingangskapitel seines unveröffentlichten ersten Romans, «Inland», zum Besten geben. Doch der Literat mit dem Ruf eines skurrilen Vogels (Selbstbezeichnung) wird kaum je ganz im elitären Literaturbetrieb aufgehen.
Tages-Anzeiger, Michael Meier, 09.06.2008
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