Medienspiegel

Volksblatt Liechtenstein, 14. Dezember 2009
Pedro Lenz und Patrik Neuhaus präsentierten die Geschichte von Muhammad Alis KO-Sieg im Zürcher Hallenstadion als Drama über Leidenschaft, Aufbruch und Selbstbestimmung aus einer Zeit, in der diese Begriffe in der Schweiz noch Fremdwörter waren.
Download ganzer Artikel als pdf

Schönheit und Rebellion

von ARNO LÖFFLER

Der Wortkünstler Pedro Lenz und der Pianist Patrik Neuhaus waren schon öfter unter dem Namen «Hohe Stirnen» im Fabriggli zu Gast. Diesmal hatte das Duo ein nagelneues, erst dreimal aufgeführtes Stück im Programm.

Opernhafte Grösse
Einmal mehr verbindet Pedro Lenz in «Tanze wie ne Schmätterling» Wirklichkeit und Kunst in der ihm eigenen Weise. Während er sonst oft die Banalität der Schweizer Alltäglichkeit in seinen Texten thematisiert, geht es diesmal um einen vergleichsweise grossen Moment der (wirklichen) Schweizer Zeitgeschichte, das Boxmatch Mohammad Alis gegen den Deutschen Meister Jürgen Blin am Stefanstag, dem «Boxing Day», 1971. Die erste Szene spielt in Louisville, Kentucky: Der kleine Cassius Clay fragt seine Eltern, warum sie zu einem gewissen Gott beten müssen: Einstiegs- und Schlüsselszene zugleich, obwohl sich eigentlich fast jede Szene dieser Sprach- und Musikperformance als Schlüsselszene bezeichnen liesse. Detailreich erzählt Lenz in seinem weichen Dialekt eine sehr menschliche Geschichte, in der es um vier Menschen geht, die ein Boxkampf zusammenführt: Ali, Blin, die Friseuse Regula Geiger und den Hallenstadion-Abwart Paul Leuenberger. Bei Lenz wird Berndeutsch zur Kultursprache: Wenn seine Figuren selbst in Louisville Berndeutsch sprechen, wirkt dies konsequent und richtig. Er bringt das Kunststück fertig, das Gewichtige und Pathetische in den Aussagen des sendungsbewussten Ali auf die banale Ebene eines Schweizer Lokaldialekts herunterzubrechen und gleichzeitig der Geschichte und ihren Protagonisten durch die kunstvolle Gestaltung, die die realistische Prosa in pointierter Rhythmisierung immer wieder in Richtung Rap-mässige Lyrik sich öffnen lässt, zu einer geradezu opernhaften Grösse zu verhelfen.

Erinnerungen an das gute, alte Hörspiel
Die narrativ-musikalische Performance entwickelt einen suggestiven Sog, einen «flow», der Zwischenapplaus eigentlich nicht zulässt. Lenz bat auch anfangs das Publikum, sich den Applaus bis zum Schluss aufzuheben. Als nach einem besonders virtuosen Klavierintermezzo spontaner Beifall aufkam, hob Lenz streng den Zeigefinger, meinte dann aber gleich mit einem Grinsen: «Jetzt könnt Ihr ihm einen geben.» Legenden, genau recherchierte Sportlerbiographien, realistische Milieustudien und die Emanzipationsgeschichte von Arbeiterklasse, Schwarzen und Frauen des 20. Jahrhunderts fliessen zu einem grossartigen, stimmigen und lebensnahen Bild zusammen. Die berndeutsche Wiedergabe der englischen lingua franca spiegelt die magische Verbindung der um Selbstbestimmung in ihrem jeweiligen sozialen Kontext ringenden Protagonisten wieder, die sich ihrem unterschiedlichen Hintergrund zum Trotz doch so gut verstehen. Dass die Frage, ob zwischen Muhammad und Regula doch mehr war als nur Kameradschaft, offengelassen wird, ist ein schönes Detail.
Den Zusammenhang zwischen Schönheit und Rebellion, zwischen Kampf und Tanz, zwischen Behauptung von Grösse und wahrer, innerer Grösse hat man selten so eindrucksvoll in einer Theaterform, die eigentlich wenig mehr ist als das gute, alte Hörspiel, vor Augen und Ohren geführt bekommen.

zurück zur Übersicht

Pedro Lenz